Stephan Velten

Über meine Arbeiten, Stephan Velten, 13.7.2007

Mit Beginn der Moderne gibt es in den unterschiedlichen Genres zwei Typen von Künstlern. In der Literatur, der Malerei und mitunter sogar in der Musik. Beim Film (Hier spreche ich von den Regisseuren und Filmmusikern) sowieso. Die einen arbeiten „immer dicht“ an einem >Personalstil<, die anderen wechseln ihre Techniken und Stilistiken in Bezug auf Sujet und Thema. Zu der ersten „Sorte“ gehört im Bereich der bildenden Kunst beispielsweise Giacometti, der fast manisch, ab irgendeinem Zeitpunkt sein unveränderliches Programm durchgezogen hat und deswegen von Picasso neidvoll respektiert wurde. Aber auch viele andere Künstler gehören zu diesem Typus, wie Claude Monet, Anselm Kiefer oder Marc Chagall. All diese Künstler haben sich, neben vielen anderen, diesem „personellkünstlerischen Stil“ über verschiedene Etappen in unterschiedlichem biografischem Tempo genähert. Ein ausgesprochener Spätzünder war z.B. Karl Hofer, und sogar Fancis Bacon, wenn man auf die Entstehungsdaten seines typischen Werkes schaut. Die Künstler des >Personalstils< sind vermutlich in der Mehrzahl, je nach dem wie eng man diesen Begriff fasst und wie man das Frühwerk, dass ja meist anders ist als das was folgt, in diesem Zusammenhang bewertet. Außerdem bringt diese Auffassung eindeutig marktwirtschaftliche Vorteile. Die Wiedererkennbarkeit, ohne sich mit dem Künstler näher beschäftigen zu müssen ist sehr praktisch. Allerdings steckt in diesem System auch eine Falle, nämlich dann, wenn der Künstler bis zur Selbstaufgabe vorrangig und um jeden Preis nur noch an dieser äußerlichen Erkennbarkeit feilt und das Ergebnis dann inhalts- und ausdruckslos wird und eher in die Kategorie >Zeitgeschmack< fällt. Die Galerien sind voll mit dieser Art von „Einrichtungskunst“, jeder hat seinen Stil, aber gesagt wird nichts. Die Entsorgung dieser Art Kunst erfolgt mit dem nächsten Tapetenwechsel. Stil macht nur dort einen Sinn, wo er durch die künstlerische Reibung mit der Gesellschaft entsteht.

Die andere „Sorte“ von Künstlern sind die mit dem „geteilten“ Werk. Picasso und Gerhart Richter, Picabia sowieso, und so weiter. Bei einigen anderen, heute sehr berühmten Künstlern, stellt sich wiederum der Zusammenhang ihres mitunter sehr unterschiedlichen Werkes durch die Kenntnisse über den „Macher“ her, die der Betrachter durch Beschäftigung mit der Sache gewonnen hat. Zwischen den >Kartoffelessern< und den >Sonnenblumen< von Vincent van Gogh, in einem Zeitraum von nur vier Jahren gemalt, würde niemand einen Zusammenhang herstellen können, gäbe es nicht biografische und das Gesamtwerk betreffende Kenntnisse. Oder beim großen Picasso: Nach den blauen Bildern folgen die Rosernen, nach den unterschiedlichen Phasen der kubistischen Bildern folgen unmittelbar, vielleicht schon einen Monat später gemalt, die Bildern einer fast klassizistisch zu nennenden Periode. Die Beispiele der Mehr- und Zweiteiler ließen sich unendlich in der Geschichte der Moderne fortsetzen: Chirico, Renoir, Turner, Trockel…

Ich gehöre eindeutig zur >Gruppe zwei<. Mein Vater hat sich, als ich zirka 17 Jahre alt war, darüber aufgeregt, dass ich neben sehr konstruktiven, gebauten Bildern plötzlich und unvermittelt >Ausbrüche< gemalt habe. Bilder fast wie hingeschmiert, hingesaut. Ich kann einfach nicht in einer gleichförmigen Art- und Weise agieren. Ich habe zwar fast immer Lust zu arbeiten, aber nicht immer in der gleichen Art und Weise. Nach sehr kontrollierten Vorgängen folgen spontanere und umgekehrt. Mein Werk unterteilt sich daher, seit je her, in verschiedene Werkphasen, bzw. polarisierte Auffassungen oder sogar Genre. Siehe zum Beispiel die Entstehung der keramischen Skulpturen.

Ich benutze dieses System, um dadurch mit differenzierteren Mitteln genauer mit verschiedenen Inhalten und formalen Ideen umgehen zu können. Aber auch, als Reaktion auf meinen Energiehaushalt. Der benötigte Krafteinsatz bedingt auch das, was ich gerade mache, wozu ich gerade fähig bin.

Innerhalb der einzelnen Werkgruppen bemühe ich mich natürlich um eine malerische, kompositorische und inhaltliche Übereinstimmung. Der Arbeitsprozess, im Zusammenhang mit einem Thema, kann sich über mehrere Jahre hinziehen. In der Nachfolgezeit, wenn ich also schon weiter an neuen Projekten arbeite, können immer wieder >Folge-Bilder< entstehen, die dann trotzdem mit ihren formalen Mitteln und inhaltlichen Aussagen an die jeweilige Werkgruppe anschließen. Aus einer Werkgruppe kann sich im Laufe der Zeit eine nächste herausbilden, die einen gewissen Zusammenhang zur Vorgängergruppe bewahrt. Es gibt eigentlich fast immer fließende Übergänge. Die einzelnen Werkgruppen erhalten im Laufe des Arbeitsprozesses übergeordnete Titel, so zum Beispiel „Euro-Visionen“ (1993-96), „Les Fleurs Du Mal“(1996-97), „Federkinder“ (1999-2002), „Hungry“ (2003-2007) und als letztes, zurzeit „Schwanensee“ (2007-...)

Ich glaube, dass bei dieser Arbeitsweise vor allem wichtig ist, dass die formalen und inhaltlichen Erfindungen in den einzelnen Werkgruppen eigenständige Ideen und eigenständige formale Umsetzungen sind. Allerdings gibt es nur die Annäherung an dieses Ideal. Kunst existiert nicht im luftleeren Raum. „Kunst kommt von Kunst“ und ist in ihre Zeit mit ihren Vorstellungen und Traditionen eingebettet. Der Versuch zählt und der Käufer zahlt. Und hilft dabei mit, dass aus den Versuchen mehr wird, manchmal auch Mehrwert. In gewisser Hinsicht und wenn alles stimmt, stoßen hier zwei Idealisten aufeinander.

Zwischen den einzelnen Werkgruppen gibt es verbindende und übergreifende formale Mittel. Bei mir ist es, zum Beispiel in der Maltechnik, der Einsatz von bestimmten Materialien mit bestimmter Wirkung. Zerriebene und zermörserte Zeichenkohle, das Bedrucken der Bildoberflächen mit eingefärbter Luftpolsterfolie und den dadurch hervorgerufenen Strukturen. Deren Benutzung wird damit zur Erscheinungsform einer bestimmten Zeit, in der man dieses spezielle Material verwendet haben wird, und damit wird es zu einer inhaltlichen Komponente. Der Einsatz von Metallpigmenten, um Farbwerte zu verfremden, ohne dass man direkt sieht, warum die Farbe eine so eigentümliche Wirkung hat. Wie zum Beispiel bei den >Federkindern< und den >Helden-Bildern<. Oder das Prinzip, den der Schwerkraft folgenden, senkrecht fließenden Farblinien. Die sich, entsprechend der Bildoberflächenstruktur, noch einmal in verschiedene Farbströme aufspalten; und außerdem die Bildfläche rhythmisieren.

Darüber hinaus gibt es die „Handschrift“ jedes Künstlers. Eine heutzutage höchst komplizierte Sache. Man müsste über äußere Kriterien hinaus, etwas mehr über das innewohnende Prinzip von Kunst verstehen und vor allem bereit sein, seinem Einfühlungsvermögen freien Lauf zu lassen. Das einfachste und unverkennbarste Prinzip ist Bilder >kopfumaufhängen<. Eigentlich beginnt die Handschrift des Künstlers bei der Wahl des Sujets, denn sie hat Folgen für das weitere Bildgeschehen. Meiner Meinung nach kommt sie am Stärksten zum Ausdruck durch das Proportionsgefühl für das Dargestellte, dem Erfindungsreichtum bei der Umwandlung der Formen der Natur in eine persönliche Empfindungsstruktur, dem eigenen nicht ausweichbarem Farbgefühl und dem Verhältnis zwischen Statik und Dynamik der Bildkomposition. Ich ende hier, es ließe sich unendlich viel mehr und widersprüchliches dazu sagen –