Stephan Velten

Störfelder, 1994, 4-teilige Reihe, je 100x120 cm, Öl, Sand auf Leinwand

Die >Störfelder< zeigen Landschaften >danach<, hinterlassene Wunden und Narben. Diese Landschaften sind nicht real, sie sind Erlebnisräume der Erfahrung, die sich von Generation zu Generation verändern, Landschaft als Ausgangspunkt muss so immer neu erfahren werden.

 

Die >Störfelder< gehören zum großen Zyklus der Bilder, die unter dem Titel

>EURO –VISIONEN< versammelt sind und in der Zeit zwischen 1993 und 1996 entstanden. Leider oder Gott sei Dank? ist ein Großteil dieser Arbeiten mittlerweile in Privatsammlungen verschwunden, obwohl sie für den öffentlichen Raum in sofern konzipiert waren, als sie sich mit Themen auseinandersetzen, die öffentlich diskutiert werden. Auch die große dreiteilige Arbeit >Anghiari-Spirale<, 2003, 270 x 130 cm, Öl auf Leinwand ist mittlerweile in Privathand übergegangen. Als letzte Bildgruppe aus dieser Zeit befinden sich nur noch die >Störfelder< in meinem Atelier.

 

Mehrere Arbeiten aus dieser Werkphase haben Zeichnungen Leonardo da Vincis zum Ausgangspunkt. Die Zeichnungen deshalb, weil in ihnen strukturelle Mittel angewendet wurden, die erst sehr viel später bei den Künstlern der Moderne zu einem übliches Stilmittel werden: Die Heftigkeit und Freiheit des Strichs, die Intensität beim Überlagern der Strichlagen, das Nebeneinander verschiedener Skizzen auf einem Blatt wird zu einem Element der Mehrschichtigkeit inhaltlicher Zusammenhänge, das Wegfallen alles Gefälligen zugunsten einer künstlerischen Radikalität, weil sich dadurch das >Suchende< und nicht das >Wissende< manifestiert. Und, die aus Allem resultierende Ausdruckskraft, bei der sich das Verhältnis von geistiger Klarheit und emotionaler Wirkung in einer Balance befindet. Die >Anghiari-Spirale< setzt sich mit den Vorstudien da Vincis zu seinem leider verloren gegangenen Wandgemälde >Anghiarischlacht< auseinander (Es gibt Gott sei Dank einige Kopien, ua. von Rubens). Die Störfelder sind eine Auseinandersetzung mit Zeichnungen Leonardos, die >Draufsichten< landschaftlicher Totalen darstellen, meistens Berglandschaften, die durch die Art der Darstellung aber eher den Eindruck machen, einen ganzen Kontinent zu meinen, als nur eine eng abgegrenzte Region zu zeigen. Sie sind mit anderen Studien Leonardos verwandt, die sich mit meteorologischen Erscheinungen beschäftigen. Stürme und Verwirbelungen sind so stark >überzeichnet<, dass die Naturgewalten fast spürbar aus den Zeichnungen herauszutreten.

Ähnlich wie bei vielen anderen Arbeiten aus dieser Zeit, geht es mir um eine Malerei, die sich einer assoziativen Bildsprache bedient. Im Falle der >Störfelder< geht es nicht um die Darstellung örtlich-konkreter landschaftlicher Situationen oder der Abbildung stimmungshaften Naturgeschehens, sondern um den Ausdruck von Befürchtungen, um die Summe vieler Eindrücke und Erfahrungen, um das Wissen, dass die Veränderungen allmählich und schleichend voranschreiten.

 

Eigentlich könnte man denken, es sei alles in Ordnung. Aber der Eindruck täuscht, weil sich in jeder Generation das Gefühl entwickelt, dass sie etwas vorfindet, was schon immer so vorhanden war. In Wirklichkeit hat sich alles verändert. Die Überfrachtung der Natur mit den Gebrauchsspuren des Menschen dehnt sich immer mehr aus, darüber können auch Schönheitsoperationen nicht hinwegtäuschen. Auch ein Brustimplantat hilft nur begrenzte Zeit und zeigt eigentlich nur an, wie sehr wir uns selbst in unserem Denken und Fühlen verändert haben. Eines Tages werden die nicht beachteten Veränderungen zu uns zurückkehren und unseren eigenen Handlungsraum mehr und mehr unmerklich, trotz aller wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten, eingeschränkt haben.

Bei den >Störfeldern< habe ich versucht, sehr intensiv mit den, der Malerei inne wohnenden Mitteln zu arbeiten. Es gibt in der Malerei mit Beginn der >Moderne< immer zwei Möglichkeiten, entweder man malt vorrangig das äußere Abbild der einen Inhalt illustrierenden Elemente oder man überträgt alles in eine Sprache, die durch die Farbwahl, die Dynamik des Vortrags, der haptischen Wirkung der Bildoberfläche usw. bestimmt wird. Alles zusammen soll beim Betrachter eine Assoziationskette auslösen, die zur Bilddeutung, zum Verstehen führt. In der Moderne gilt die kritische Distanz zu den Dingen, die Herausforderung und Verunsicherung des Betrachters, das >Spielen mit allem< ist eine beliebte Form und >spielt< daher oft die größte Rolle. So soll das Versprechen eingelöst werden, ehrlich und wahrhaftig zu sein (Über das Prinzip von Spekulationen in einer von Spekulationen lebenden Gesellschaft möchte ich an dieser Stelle nicht reden). Es geht darum uns abzulenken, unsere Gedanken in scheinbar unlogische Welten zu entführen, die Kunst will Reibung hervorrufen, um Auseinandersetzung einfordern zu können. Mit dem Effekt uns letztendlich stärker mit bisher nicht wahrgenommenen Dingen auseinandersetzen zu müssen. Im Rückblick liefert sie durch ihre scheinbare >Antiposition< zum Zeitgeschehen oft den interessantesten Einblick in eine zurückliegende Zeit.