Stephan Velten

Zwischen Totenkopf und Laugenbretzel.

Ticket-Galerie zeigt 'Strandungen'

 

Tod bedeutet nicht unbedingt Ende. Und die Beschäftigung mit dem Thema besitzt von Unruhe ausgelöste Beweglichkeit. Bewegungen eines Sterbenden, das Weiterleben einer Seele oder die natürliche Veränderung von Abgestorbenem erhalten bei Stephan Velten ihre künstlerische Form. „Strandungen“ heißt die Ausstellung des Potsdamers, die am Sonntag in der Ticket-Galerie des Nikolaisaals eröffnet wurde.

 

Neben Grafiken und Malerei kombiniert Velten erstmals mit Keramiken. Es sei an der Zeit gewesen, nun „räumlich“ zu werden, sagte Andy Kern, Kurator der Galerie, zur bisherigen Arbeit Veltens.

 

„Strandungen“ sind Dinge, die das Leben so anspült: „Helden“, die für ihren Einsatz ihren Körper, ihr Leben gaben, oder Kleinkram, der in Klarsichthüllen aufbewahrt „Zwischenlager Museum“ genannt wird. Der Inhalt dieser Tüten hat etwas von einem Kinder-Tagebuch, das Erinnerungen mit bestimmten Fundstücken wach hält: Federn, Steine, Muscheln, Plastikfigürchen. Was für die einen Müll ohne materiellen Wert ist, besitzt für zumindest eine Person Bedeutung. Ähnlich verhält es sich mit Dingen, die am Meeresstrand angespült werden und ihre Besonderheit durch die von Wasser, Sand und Meereslebewesen verursachten Verfremdungen erlangen. Velten zeigt Keramiken, die scheinbar solche Zeitspuren aufweisen: Bruchstücke und Kratzer, Muscheln, Farb- und Formveränderungen. Was das Meer nach kräftiger Spülung wieder ausspuckt, ähnelt Totenköpfen, einmal ist auch ein Schiffswrack zu sehen.

 

Immer wieder wählt Velten für die Konfrontation mit dem durchgängigen Thema den Kopf als Ort des Denkens und damit auch des Sterbens. Die Gesichter der „Helden“ sind blass-grau, zerkratzt und durchlöchert, die Häupter gesenkt, eigentlich längst tot. Unter dem Titel „ruhig fragen“ bleiben von zwei Köpfen nur noch Fragmente, schwarz-zerstörte Masken.

 

Eine andere düstere Gestalt befindet sich noch im Kampf. Ebenfalls in den Arbeiten wiederkehrende Federn scheinen die sich hier wie Pfeile in den Körper bohren zu wollen. Die ausweichenden Bewegungen verleihen der Trilogie eine ungeheure Dynamik. Störend dabei ist, dass die großformatigen Bilder mangels Platz über Eck hängen müssen – der Beweis, dass die Galerie für die Entfaltung bildender Kunst, nur bedingt geeignet ist.

 

Die musikalische, eigens komponierte Unterstützung von Rainer Oleak ist in diesem Fall sehr willkommen. Die Klänge lassen die Wahrnehmung der „Strandungen“ einnehmender werden, sie unterstützen den morbiden Charme der Schau. Dabei sind die Geräusche niemals aufdringlich, immer ruhig, sie bewegen sich zwischen bedrohlich und mystisch. Selbst das scheinbar fröhliche Akkordeon klingt traurig. Ein heiteres Vogelgezwitscher kann allenfalls Besinnlichkeit erzeugen.

 

Am Sonntag war diese Musik mit der Unterstützung von Rainer Oleak am Klavier und Günther Fischer am Saxophon einmalig live zu erleben. Dabei kam bei dieser nun vierten Ausstellungseröffnung der noch jungen Galerie erstmals das Foyer des Konzertsaals hinzu. Wegen der dunklen Gestaltung des Raums geradezu ein idealer Ort für das Todes-Thema und für die Gäste genug Platz für Wein und Laugengebäck am trüben sonntäglichen Vormittag.

 

Ralf Schleiff/Märkische Allgemeine Zeitung, 17. Oktober 2000